Kultur- und Verkehrsverein Wanfried e.V.

Aus der tausendjährigen Geschichte der Stadt

Bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. Drangen die „Michelsberger“ aus dem Gebiet am Oberrhein nach Hessen bis in unser Gebiet vor. Diese warten Ackerbauern, welche Tulpenbecher und Backteller aus der für sie typischen Keramik benutzten. Auch typisch für sie waren spitznackige, und durchbohrte Beile, wie man sie in der Wanfrieder Flur und auf der Boyneburg bei Wichmannshausen gefunden hat. „Schnurkeramiker“ kamen zwischen 2000 und 1600 v. Chr. aus dem Osten ins Werratal.

Sie bewaffneten sich mit facettierten Steinäxten. Exemplare hiervon fand man bei Aue und Röhrda. Für die Jungsteinzeit typische Steinäxte mit rundlichem Nacken und kurzer Schneide hatte man bei Ausgrabungen in der Flur Wanfrieds gefunden. Auch aus der Bronze- und La-Tene-Zeit sind Waffen, Gürtelnadeln und Keramikteile in Museen aufbewahrt worden. Zahlreiche auf den Bergkuppen vorhandene Erdwälle sind noch nicht erforscht worden und könnten Zeugen einer Besiedlung des Werratals und der umliegenden Bergen schon vor langer Zeit sein. Die Menschen nutzten zur Wanderung über die Werra die zahlreichen Furten. Auf diese Weise entstanden später die Handelswege beispielsweise über die Werra bei Frieda nach Wanfried und Mühlhausen oder von Wanfried über Treffurt nach Eisenach. Erinnerungen an keltische Besiedlungen sind Bezeichnungen: Kohnstein, Karnberg, Judenkopf und Judenborn. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Wanfried im Jahre 813 als „Uanevredum“ (Ort ohne Einfriedung im Gegensatz zu Frieda, welches zu jener Zeit eingefriedet war.) Damals war Wanfried ein kleines Fischerdorf. Bonifatius soll auf dem Hülfensberg eine Donareiche gefällt haben. Auch soll er bereits 717 den Auftrag zum Bau einer kleinen Holzkirche gegeben haben. Diese Kirche soll e zu „ St. Vitus Ehren“ gebaut werden. Zwei Männer seiner Missionsgruppe ließ er in Wanfried zurück, die beim Bau der Kirche helfen sollten. Er selbst zog zum Missionieren weiter werraaufwärts. Auf dem Hülfensberg soll Bonifatius der Sage nach die Worte „Wann wird Friede schweben über dieser Aue?“ ausgesprochen haben, wonach die Orte Wanfried, Frieda, Schwebda und Aue angeblich ihre Namen haben. Auch wurde berichtet, Wanfried habe seinen Namen von dem Engel- Länder „Wunefriedt“ (Wohne in Frieden). In den 30er Jahren veröffentlichte der Göttinger Professor Edward Schröder (gest.1942) eine wissenschaftliche: Deutung: Wanfried = Kleine Frieda und danach = Siedlung an der kleinen Frieda. Häufig stritten sich die Chatten mit den Hermunduren um die Salzquellen an der unteren Werra, bis 58 n.Chr. Die Hermunduren die Chatten hinter den Meißner zurückdrängten. Während der Völkerwanderung blieben die Chatten sesshaft und wurden erst wieder mit dem Eindringen des Christentums von den Franken nach Osten abgedrängt. Hier im Werratal waren beide Stämme derart miteinander vermischt, dass man heute noch von einer Hessisch-Thüringischen Mundart sprechen kann. Im 8. Jahrhundert mussten die Franken gegen die kriegerischen Sachsen an der Werra eine starke Befestigungslinie errichten. Damit begann vermutlich der Anfang des „Castrum Wanfrydin“, der Burg Wanfried. Nachdem Karl der Große am Sachsenrain bei Heldra die Sachsen besiegte, soll er auf seinem Zug zum Hülfensberg in „Vanofrieden“ gerastet haben. 860 gehörte Wanfried noch zu Thüringen. Und als im hessisch-thüringischen Erbfolgekrieg 1263die Herzogin Sophie für ihren Sohn Heinrich das „Land uf der Werra“ erhielt, blieb Wanfried noch 43 Jahre lang thüringisch. 1306 kaufte Landgraf Heinrich I. Wanfried, Frieda und einige eichsfeldische Orte für Hessen an. Doch es gab lange keine Ruhe in Wanfried. Die Treffurter Ritter, welche mit den Spangenbergern verbündet waren, plünderten und brandschatzten auf ihren Zügen durch Wanfried und zerstörten, was sie nur konnten. 1328 kam es zum Überfall auf Wanfried durch Hermann II. von Treffurt. Wanfried wurde geplündert. Daraufhin schlossen sich die thüringischen und hessischen Landgrafen zusammen und eroberten 1336 den Normanstein. Friedrich IX von Treffurt verstarb im Hospital St. Nikolai in Wanfried. Die Landgrafen von Hessen erkannten endlich die Bedeutung Wanfrieds und sicherten die Burg durch einen Burggraben und einen Wall. Dennoch wurde es hier nicht viel ruhiger. Als Burgmannen wurden Albert von Aue und die Preuße von Wannefrieden genannt.1409 kaufte sich eine Nebenlinie der Keudells aus Schwebda in Wanfried mit dem Kauf des Keudell´schen Schlosses am Untertor an. Wanfried wurde noch einmal kurzzeitig thüringisch und erst 1431 wieder und damit endgültig hessisch. Um die Grenzen eindeutig festzulegen, fand 1450 im Auftrag des Landgrafen ein „Umzug“ um die Eschweger Cent statt. Anwesend waren neben den Landesbediensteten und hiesigen Grundstücksbesitzern auch deren Söhne. An den Grenzsteinen oder anderen markanten Grenzorientierungspunkten bekamen die Söhne eine kräftige Ohrfeige, damit sie sich den Verlauf der Grundstückgrenzen besser merken konnten. Mit Beginn des15. Jahrhunderts nahm die Bevölkerungszahl aufgrund der immer dichteren Besiedlung im Werratal zu. Der Grundwasserspiegel sank, weil zu viel Wald für Acker, zum Häuserbau und verschiedenen andere Zwecke gerodet wurde. Die Ernteerträge reichten nicht mehr für das Vieh und die Menschen. Es kam zu Missernten, Hungersnöten und Pestepedemien, die in dieser Zeit ganz Europa heimsuchten. Einige Liegenschaften des Werratals verschwanden in dieser Zeit. Die Landwirte besannen sich auf andere Möglichkeiten der Bodennutzung. Sie nutzten mehr Flächen als Weideland und bauten Obst und Wein in den jeweils dafür günstigen Lagen an. Wanfried war bereits Endpunkt der Werra-Schifffahrt, hatten die Wanfrieder immer noch die Möglichkeit sich als Schiffer oder Tagelöhner Geld zu verdienen. Insofern erholte sich Wanfried meist schnell von harten Schicksalsschlägen Güter aus Thüringen, Franken und Bayern wurden zum Umschlaghafen in Wanfried transportiert und Waren aus Übersee von Schiffen auf Pferdewagen verladen und nach Thüringen, Franken und Bayern gebracht. Wanfried lebte im Wohlstand. Dies führte dazu, dass Wanfried im „Verzeichnis der führnehmbsten Stedte Europas“ in Leipzig als bedeutender Handelsplatz genannt wird, nicht aber Eschwege und Kassel. Der 30-jährige Kriegsetzte zunächst einmal einen Schlusspunkt für den blühenden Handel auf der Werra. Die Stadt wurde - wie viele andere Städte auch – belagert, geplündert. Häuser brannten. Es gab Mord und Totschlag, viele Soldaten mussten ausreichend mit Nahrung versorgt werden. Am 10. Juni 1623 zerstörten die Tilly´schen Truppen trotz heftiger Gegenwehr die Stadt. Drei Jahre später, am 25. Juni 1626, wurde die Stadt von Wallensteins Truppen überfallen und geplündert. Das Gemetzel muss fürchterlich gewesen sein. Der Chronist Strauß berichtet: „ Gegen Abend war ein großer Teil der Stadt ein Flammenmeer.“ Seinerzeit sind nach einer Aufstellung, die in städtischen Papieren gefunden wurde, 182 Wohnhäuser – nicht gerechnet die Nebengebäude – in Flammen aufgegangen. Die hessischen Landgrafen setzten sich für den Protestantismus ein, deshalb tobte sich der Krieg gerade hier in Hessen besonders stark aus. Doch Wanfried erholte sich relativ schnell wieder.

Der 7-jährige Krieg brachte zwar keine vergleichbaren Ereignisse. Der Rat der Stadt berichtet an das Stift Kaufungen: „Durch mehrmalige Plünderungen, Durchmärsche, Einquartierungen und Lieferungen als ein Grenzort mehr als andere Gegenden des Landes gelitten zu haben.“ Philipp der Großmütige ließ 1526 bei der Homberger Synode die Reformation beschließen und fand bei den Wanfriedern keinen Widerstand. Drei Jahre später war die Reformation vollzogen. 1532 wurde in Wanfried Petrus Paganus geboren, ein sehr gelehriger Lateinschüler. Er wurde später von Philipp von Hessen als Professor für Latein und Geschichte an die Universität von Marburg berufen. Sein Vater, Hans Dorfheilige; war zunächst Schultheiß und dann Schlagdvogt in Wanfried. Nachdem Philipp der Großmütige 1567 verstorben war, übernahm Wilhelm IV. die Regentschaft über das Land, so auch Wanfried. Er ließ das Schloss durch einen Ökonomiehof und einen zweiten Wassergraben erweitern und erteilte dem Wanfrieder Marktflecken einige Recht. Steuern und Zölle durften eingenommen werden. Im Wanfrieder Salbuch erfährt man über Rechte und Pflichten der Wanfrieder. Danach gehörten zum Amt Wanfried die Orte Altenburschla, Heldra, Rambach, Weißenborn und Döringsdorf Neben den Gemeinde-, Land und Rügegericht wurde auch ein „Peinliches Gericht“ in öffentlicher Sitzung auf dem Marktplatz abgehalten. Die Strafen waren hart und grausam. Halseisen, Block und Drillhäuschen waren dabei noch vergleichsweise milde Strafen. 1545 wird Wanfried als wichtiger Postgrenzort für die Postverbindung auf den Poststrecken Leipzig - Eisenach- Mühlhausen – Wanfried – Waldkappel – Kassel – Holland eingerichtet. Auf dem Thurn- und Taxis´schen Meilenstein in Lübben, der 1735 errichtet wurde, sind die Entfernungen nach Leipzig, Merseburg, Halle, Magdeburg, Langensalza und Wanfried angegeben. Unter den Ortsbezeichnungen des Obelisken ist das Posthorn deutlich zu erkennen. In dieser Zeit blühte der Handel mit der Werra-Schifffahrt auf, Wanfried und seine Bürger begründeten ihren Wohlstand. Schöne, geräumige Kaufmannshöfe wurden gebaut. Die Kaufleute unterhielten Handel mit Mühlhausen, Leipzig, Nürnberg, Frankfurt, Köln und Bremen. 1607 bekam Wanfried durch Landgraf Moritz das Stapelrecht und 1608 endlich auch das Recht, sich Stadt nennen zu dürfen und Markttage abzuhalten. Er sorgte auch für mehr Handel über die Werra. Münzarten wurden “Auf der Börse“ getauscht, im Brauhaus gab es gutes Bier. Neue Kaufmanns- und Lagerhäuser entstanden, Gasthäuser und Herbergen hatten ausreichend zu tun und es gab 6 Töpfereien in der Stadt, die mit ihren kunstvoll bemalten Irdenwaren Wanfried über seine Grenzen hinaus berühmt werden ließen. Merian beschrieb Wanfried 1655 folgendermaßen: „Ist wegen der Schifffahrt ein lustige Ort!“ In zehnjähriger Arbeit wurde die stolze Stadt mit Wall, Graben und Palisaden umgeben. Für die Hand- und Spanndienste musste sie aber 10.000 Gulden bezahlen. Erst 1692 konnte die letzte Rate beglichen werden, nachdem städtischer Besitz verpfändet war, der z.T. nicht wieder eingelöst werden konnte.

Während des 30-jährigen Kreises kam Werra-Schifffahrt von 1626 für lange Jahre zum Erliegen. Nach dem Krieg blühte sie allmählich wieder auf und war 1659 wieder voll im Gange. In dieser Blütezeit entstanden wieder neue Kaufmannshöfe in der Marktstraße, stattliche Bürger- und Wirtshäuser wurden errichtet. Die Börse wurde gegründet und man errichtete ein Brauhaus. An der Schlagd wurden große Lagerhäuser gebaut. Während des deutsch-französischen Krieges nutzten hessische Truppen aller Waffengattungen die großen Lagerhäuser als Garnison. Es war die Zeit der Kontinentalsperre, in der Handel mit dem Ausland (England) verboten war. Erst 1813 wurde diese wieder aufgehoben. Die Schifffahrt kam 1816 wieder voll in Gang, weil das hungernde Eichsfeld mit Weizen aus Russland versorgt werden musste. In der Mitte des 19,. Jahrhunderts erlebte die Werra-Schifffahrt noch einmal einen richtigen Aufschwung. Der damalige Bürgermeister Silberschlag wendete sich energisch gegen den Eisenbahnbau im Werratal. Er fürchtete den Rückgang der Werra-Schifffahrt. Aber der Rückgang setzte allmählich mit der Industrialisierung ein. 1948 verzeichneten der Güter bestätigter an Einnahmen nur 140 Taler, während es in 1823 noch 400 Taler gewesen waren. Stromabwärts fuhren die Schiffe einzeln. Stromaufwärts bildete man eine Mast. Hierbei wurden 3 Schiffe aneinander gebunden: Bock, Bulle und Hinterhang nannte man das Dreigespann. Entweder zogen 30 Männer die Mast oder man spannte 10 Pferde vor die Schiffe. Diese zogen die Mast stromaufwärts auf dem Treidelpfad, der heute noch links der Werra zu sehen ist und auch Leinpfad genannt wird. An der Schlagd wurden die Schiffe festgemacht und entladen. Das Wort „Schlagd“ findet man häufiger als Straßen- oder Platzbezeichnung in Orten mit einem Hafen. Zur Uferbefestigung werden Stämme oder Pfähle in den Schlick geschlagen, um das Ufer auf der Wasserseite zu befestigen. Im Laufe der Zeit änderten sich die Handelswege. Es wurden immer mehr Güter auf Straße und Schiene transportiert. Wanfried verlor nach der Mitte des 19. Jahrhunderts seine Mittelpunktfunktion als Umschlagplatz. Die Bürger mussten sich neu orientieren. Der Stadt fehlten die Einnahmen aus der Schifffahrt. Darum wurden die Schlagdhäuser nach und nach verkauft.1860 wurden die vier Schlagdhäuser verkauft und 1870 wurde das letzte zu Wohnungen umfunktioniert. Die letzten Zolleinnahmen waren um die Jahrhundertwende eingezahlt worden. Flöße kamen noch bis 1939 die Werra hinunter, aber nach dem 2. Weltkrieg erlaubten die politischen Verhältnisse die Wiederaufnahme der Werra-Flößerei nicht mehr. Die Werra wurde in der Folgezeit nur noch zum Transport der Abwässer der Kali-Industrie genutzt.

Ein weiterer Rückschlag für das Aufblühende Städtchen an der Werra war die Pest. 1682 erkrankten sehr viele Einwohner und über 200 Personen starben und wurden wegen der Seuchengefahr vor den Toren der Stadt begraben. Der „Pestpfarrer“ Gleim betreute sie alle bis zu ihrem Tod, teilweise vom Fenster aus, um sich nicht anzustecken. Als dann sein Freund und Helfer, der Kantor Faber, starb, Pflanzteer auf dessen Grab eine Linde. Diese ist noch heute als „Pestlinde“ am Weg an der Werra nahe der Wassertretanlage zu sehen. Die außerordentlich große Zahl von Pestopfern führte dazu, dass man die Werra-Schifffahrt mit einem Bann belegte. Niemand durfte nach Wanfried einreisen, kein Wanfrieder durfte die Stadt verlassen. Nur langsam kam danach der Handel wieder zur Blüte. Landgraf Moritz hatte mit seiner zweiten Ehefrau Juliane von Nassau-Dillenburg-Weilburg vereinbart, dass die männlichen Nachkommen aus dieser Ehe ein Viertel der Landgrafschaft Hessen-Kassel erhalten sollten. Das Land an der Werra gehörte daher von 1627 bis 1834 zum Herrschaftsgebiet der Rotenburger Quart. Jedem Amt war ein Reservatenkommissar zugeteilt, der die Hoheitsrechte der Kasseler Hauptlinie wahrte. Zur Rotenburger Quart gehörten die Ämter Rotenburg, Sontra, Eschwege, und die Gerichte Bilstein und Germerode. Wanfried war Residenzstadt geworden. Landgraf Ernst übernahm die Regentschaft über Wanfried, konvertierte aber 1652 zur römisch katholischen Kirche. Dessen zweiter Sohn Carl nahm 1710 seinen Wohnsitz in Wanfried. Die Söhne Wilhelm und Christian lebten dort bis zum Erlöschen der Linie 1755. Sie hatten beide keine männlichen Erben. Landgraf Christian wurde in der Familiengruft auf dem Hülfensberg beigesetzt. Der Besitz fiel an die Linie Hessen Rotenburg zurück. Während der Residenzzeit der beiden Brüder blühte das kulturelle Leben in Wanfried auf. Landgraf Christian ließ das Haus am Leistersberg wieder herrichten, den Landgrafenborn einfassen und pflanzte die mächtige Landgrafenbuche. 1836 hörte mit dem Tod des Landgrafen Viktor Amadeus auch die Rotenburger Quart auf, zu existieren. Das Schloss verfiel zusehends. Wanfried war zur Zeit der hessischen Landgrafen eine besondere und somit eine schützenswerte Stadt. Sie wurde von der „Schützengilde“ bewacht. Landgraf Wilhelm IV. beschloss 1568, die Schützengilde jedes Jahr im Sommer mit einem Fest zu ehren. Und so feierten die Wanfrieder Schützen alljährlich am 2. Sonntag im Juli ihr Schützenfest. Natürlich gibt es die Schützengilde heute nicht mehr. Die Schützen gehören dem Wanfrieder Schützenverein an, das Schützenfest wird aber nach wie vor in alter Tradition und unter Beteiligung aller Bürger im Juli gefeiert. Als Landgraf Moritz von Hessen Wanfried 1608 endlich die Stadtrechte verlieh, ließ er sich dies gut bezahlen. Außer dem Obolus, den die Stadt jährlich zu entrichten hatte, mussten die Wanfrieder während der Brombeerzeit täglich eine Kötze (Tragkorb)voll frischer Brombeeren nach Eschwege zum Landgrafenschloss bringen. Die Beeren wurden durch Brombeerlaub vor der Sonne geschützt. Wenn die Wanfrieder ans Stadttor kamen und eingelassen werden wollten, hatten sie den Grund ihres Besuches zu nennen. Schnell hatten die Wachen die Regelmäßigkeit der Besuche erkannt und sagten: “Die Brombeermänner kommen.“ So haben die Wanfrieder ihren Namen „Die Brombeermänner“ bekommen. Seit dem ersten „Volksfest“ nach dem zweiten Weltkrieg, als die Schützen noch nicht wieder in Aktion treten durften, bereichert der „Brombeermann“ als Sagengestalt mit seinen Nixen, Elfen und Zwergen das Fest. Er übernimmt während des gesamten Fests die Regentschaft über die Stadt und darf natürlich im farbenprächtigen Festzug durch die Stadt nicht fehlen.

Nach der Schlacht von Jena und Auerstädt (1806 verlor Hessen seine Selbständigkeit und wurde dem Königreich Westfalen angegliedert. Sieben schlimme Jahre folgten für Wanfried. Während 1805 in der Chronik berichtet wird, dass wegen des enormen Handels auf der Werra ein neues Schlagdhaus gebaut werden müsse, geht während der von Napoleon gegen England verhängten Kontinentalsperre der Handel und Schiffsverkehr ganz erheblich zurück. Anstelle der normalerweise zum Schiffsversand ab Wanfried bestimmten 80.000 Zentner Fracht werden 1808 nur noch 10.781Zentner herantransportiert. Wanfried war von französisch-westfälischen Truppen besetzt. Der preußische Major und Wanfrieder Friedrich von Hellwig überrumpelte in den frühen Morgenstunden des 18. April 1813 die kampfesmüden Garnison und befreite so Wanfried von der Fremdherrschaft der Franzosen. Dafür zeichnete ihn der preußische König als ersten Helden mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse aus. In Anlehnung an dies Eiserne Kreuz ist das Denkmal in den Städtischen Anlagen zur Erinnerung an die ebenfalls während der französisch-westfälischen Besatzungszeit am 1. Graben erschossenen Wanfrieder gestaltet. Am 4. Mai 1813 wurden der 19-jährige Stadtsekretär Georg Bernhard Hohmann und der furchtlose Ackermann Richard Gottsleben erschossen. Ihnen wurde von den Franzosen zur Last gelegt, Major Hellwig geholfen und dem preußischen König gehorsam gedient zu haben. Die Werra-Schifffahrt ging im 19. Jahrhundert mehr und mehr zurück. Andere Handelswege wurden erschlossen. Die Eisenbahn sollte Mitte des Jahrhunderts bis Wanfried gebaut werden..., doch die Wanfrieder kämpften noch zum Wohle der Werra-Schifffahrt gegen den Bau der Eisenbahnlinie. Allmählich blühte die Industrie auch in unserem Städtchen auf und man verzichtete mehr und mehr auf die Werra-Schifffahrt. Wanfried veränderte sein Gesicht. 1843 baute man eine Schule, die heutige Uraltschule, die Befestigungsanlagen mussten weichen, das alte Rathaus mitten auf dem Marktplatz war baufällig und zu einem Verkehrshindernis für die Fuhrwerke geworden und somit 1861 abgebrochen. Die alte St.Veiths-Kirche war derart Baufällig geworden, dass ein Neubau geplant wurde. 1886 wurde die Werra-Brücke gebaut, der Fährmann hatte ausgedient. Der Gatterbach wurde kanalisiert, am Obertor entstand eine neue Turnhalle und mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Eschwege – Treffurt begann für Wanfried ein neues Zeitalter. Ferner entstanden im 19. Jahrhunderteinige Fabriken und Gewerbebetriebe: 1816 gründeten die Gebrüder Ungewitter die Zigarrenfabrik. Sie kauften dafür zwei Lagerhäuser an der Schlagd an. Heute sieht man noch den viereckigen Schornstein auf dem Hof. 1837wurde eine Wollkämmerei angelegt. Dort waren zeitweilig 400 Arbeiter beschäftigt. 1861 gründete Peter Israel die Steindruckerei, die heute eine Druckerei mit von modernsten Computern gesteuerten Druckmaschinen ist. Daneben gab es eine Wollspinnerei, ein Ziegel- und Kalkbrennerei, eine Tuchfabrik und eine Lohgerberei. Insgesamt gab es in Wanfried 4 Brauereien, von denen allerdings nur die Lamprecht´sche Dampfbrauerei, die später im Besitz von Heinrich Rexrodt war über das 19. Jahrhundert hinaus Bier braute. 1900 ließ Herr von Scharfenberg das erste Elektrizitätswerk an der Werra errichten. 19101 stellte Wanfried die Straßenbeleuchtung von Petroleum auf Elektrizität um.

Am 1. Mai 1902 wurde schließlich der Eisenbahnverkehr auf der Strecke Eschwege – Treffurt eröffnet. Den Wandel der ober beschriebenen Zeit kann man daran erkennen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts ca. 80 % der Bevölkerung dem Arbeiterstand angehörten. Nach dem 2. Weltkrieg sollte Wanfried wieder besetzt werden. Diesmal waren russische Truppen nach Wanfried vorgedrungen. Sie wollten die Werra als Grenze zum Amerikanisch besetzten Gebiet nutzen, weil sich Grenzen an Flüssen besser bewachen ließen. Doch durch geschickte Verhandlungen im Kalkhof am 17. September 1945 konnte eine russische Besatzung vermieden werden. Die Ergebnisse dieser Verhandlungen gingen als „Wanfrieder Vertrag“ in die Annalen der Geschichtsbücher ein und werden an anderer Stelle erläutert. Nach dem letzten Weltkrieg strömten unzählige Flüchtlinge aus dem Osten aus Furcht vor den Russen in die von den Amerikanern besetzten Gebiete. Wanfried erlebte einen Flüchtlingsstrom, wie es ihn noch nie zuvor erlebt hatte. 1939 hatte Wanfried 2600 Einwohner und 1948 lebten 41oo Personen in der Stadt. Wo es nur irgend möglich war, musste Wohnraum zur Verfügung gestellt werden. Die Menschen brauchten Arbeit, Nahrung und Kleidung. Die hiesigen Einwohner leisteten überaus einfallsreiche Hilfe. Wanfried hatte neue Probleme bekommen. Schließlich war es nun rundum von der Grenze zur Sowjetzone umgeben. Lediglich das Gebiet im Werratal in Richtung Eschwege war hiervon nicht betroffen. Als 1952 die Grenze ganz abgedichtet wurde, waren über Nacht alle Feldwege und Straßen und die Bahnlinie unterbrochen. Alle wirtschaftlichen und privaten Kontakte zum Osten waren unterbrochen. Für die Orte entlang der Grenze hatte das schlimme Wirtschaftliche Kornsequenzen. Die Industriebetriebe, die nach dem Krieg wieder allmählich ihre Produktion aufnahmen und Handel mit dem Osten pflegten, waren plötzlich vom Osthandel abgeschnitten. Arbeiter und Angestellte aus dem Osten wie aus dem Westen durften nicht mehr an ihre Arbeitsstellen Verwandtenbesuche waren nun in beiden Richtungen nicht mehr erlaubt. Ob man nun wollte oder nicht, diese Hürde musste genommen werden. Es war eine sehr schwere Zeit für die Bevölkerung und die Betriebe, doch gemeinsam schaffte man es, Wanfried zu dem werden zu lassen, was es heute ist. Die renovierten Fachwerkhäuser, die Schulen und das Schwimmbad beweisen, dass der Zusammenhalt in großer Not, die Mitarbeit der Bevölkerung bei der Bewältigung gemeinschaftlicher Aufgaben von Erfolg gekrönt sind. In dieser Zeit bekamen Betrieb und Privatpersonen für Investitionen sogenannte Zonenrandförderung. Sie sollte mithelfen, die einsetzende Abwanderung der Bevölkerung mangels Arbeitsplätzen zu mindern und hier weitere Arbeitsplätze zu schaffen. Jedoch konnte die Zonenrandförderung nicht verhindern, dass unsere strukturschwache Region, abseits der schnellen Verkehrswege, nach dem Wegfall der Förderung weiterhin wirtschaftlich sehr zu kämpfen hatte. In den 60-er Jahren, als die Bürger allgemein den Aufschwung des Wirtschaftswunders im eigenen Geldbeutel spürten, entstand in den Obstbergen und in den Gärten kleine Garten – und Wochenendhäuschen. In diesen Jahren drängten viele Berliner und Bewohner des Ruhrgebiets in unsere grüne, stille, weitab vom Verkehrslärm liegende Oase der Ruhe. Sie kauften sich hier Wochenendgrundstücke und bauten kleine Häuser, um sich an den Wochenenden und während der Ferien zu erholen. Die Bevölkerung nannte die Kleingartensiedlung vor Wanfried und die Häuschen an der Werra in Altenburschla scherzhaft „Klein – Berlin“. Manche Familie siedelte später ganz in unser Gebiet, um den Ruhestand dort zu verbringen, wo das Leben noch lebenswert schien, wo man neue, herzliche Freundschaften geknüpft hatte. Als sich am 12. November 1989 der Grenzzaun zwischen Katharinenberg und Wanfried öffnete, waren die Wanfrieder wieder gefordert. Aus dem Osten wie aus dem Westen kamen Menschen. Im Verkehrsfunk des Radios hörte man immer wieder die Durchsage: „ Stau am Grenzübersang Wanfried/Katharinenberg teilweise über 15 km!“ Schnell richtete man Zahlstellen für das Begrüßungsgeld ein. Die Bevölkerung kochte Kaffee, Tee und Essen, weil die Gasthäuser allein mit diesem Ansturm nicht fertig wurden. Mit dem 12. November 1989 begann für Wanfried wieder eine neue Ära. Immer mehr Menschen aus Thüringen suchten Arbeit und Wohnraum im Westen. Umgekehrt wurde viele Berufstätige aus Hessen nach Thüringen geschickt, um dort bei Umlernprozessen zu helfen. Manche gingen ganz nach Thüringen, weil sie dort einen Arbeitsplatz bekamen. Neue Partnerschaften zwischen Städten entstanden. Was im Zusammenleben zwischen Bayern und Hessen ganz normal war, wurde zwischen Hessen und Thüringen zunächst einmal misstrauisch beäugt und erst allmählich als normal empfunden.

Die Bevölkerung Wanfrieds hat sich immer den neuen Aufgaben gestellt und diese bewältigt. Ihre Verbundenheit zu ihrer Heimat mag ihnen dabei geholfen haben. Stolz sagen sie noch immer:

Schdoilz sen meh drem!

On keiner kann Ons an das Hosenledder!

Denn meh sin meh! Meh hons, meh konns!

Meh sen de Wannefredder!

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