Kultur- und Verkehrsverein Wanfried e.V.

Die Entwicklung Wanfrieds vom Fischerdorf über den Marktflecken zur vielfältig gestalteten Fachwerkstadt

Als die Landschaft an der Werra vor ca. 3000 Jahren bereits besiedelt war, lebten die Menschen noch in Wohngruben. Erst in der Zeit, als sich Wanfried zu einem kleinen Fischerdorf an der „Wisaraha „ wandelte, lebte man in Lehmhütten, wie sie heute neben dem geographischen Mittelpunkt Deutschlands im Freilichtmuseum Niederdorla aufgebaut stehen.

Dort kann man die Anfänge des Fachwerkbaues ansehen. Lehmhütten mit Strohdächern, die Hölzer ineinander verblattet, so wie sie heute noch teilweise beim Fachwerkbau verarbeitet werden. Die Häuser, die verschiedenen Zwecken dienten, sind durch Knüppelwege miteinander verbunden. Aus den Lehmhäusern entwickelte sich der Ständerbau, beispielsweise heute noch zu sehen in Quedlinburg (1250), in Hannoversch Münden (14./15. Jahrhundert), in Witzenhausen (15. Jahrhundert), in Schwebda (16. Jahrhundert) und in Wanfried in Teilbereichen des Wohnhaus Ecke Marktstraße/Sperlingsgasse. Im oberen Bereich finden wir eine Mischkonstruktion. Möglicherweise ist der untere Teil älter als der mit 1671 angegebene obere Teil. Auf dem Keudelstein hat es früher eine Burg gegeben, deren Ursprünge noch nicht erforscht sind. Als die Sachsen im 5. bis 8. Jahrhundert nach Franken vordringen wollten, mussten diese sich durch Befestigungs-anlagen schützen. Aus jener Zeit scheint die Erbauungsgeschichte der Burg Wanfried (späteres Schloss) zu sein. Die Dörfler siedelten um das Schloss und an der Werra. Bonifatius der 719 vom Hülfensberg kommend, in Wanfried weilte, ließ zwei "seiner Mannen" zurück, damit sie beim Bau einer Holzkirche helfen konnten. Die Kirche wurde auf einem Bergsporn oberhalb der Werra errichtet, wo wir jetzt die evangelische Kirche finden. Bonifatius selbst ging bei seinen Missionszügen mit seinen Jüngern weiter werraaufwärts über Völkershausen, Großburschla und kam bis nach Erfurt. Nun siedelten die Wanfrieder auch rund um die Kirche und in der heutigen Marktstraße. Dort , wo das ehemalige evangelische Pfarrhaus steht befand sich ein Vorwerk des Cyriakusstifts in Eschwege, die sogenannte “Nonnenburg“ In den Jahren um 1870 fand man beim Abriss eines alten Gebäudes, welches im Volksmund noch „Nonnenburg “ genannt wird, die Zelleneinrichtung der Zimmer und unterirdische Gänge zur Kirche. Dies lässt auf die Richtigkeit der Vermutung schließen. Außerdem ist in der Chronik der Wanfrieder Kirchen geschichtevermerkt, dass Karl der Große 80 Jahre nach Bonifatius den Bau einer festen Kirche anstelle des Holzkirchleins vorangetrieben habe. Das Land zwischen Schlagd und Borngasse, der Kirchrain und von der Werra bis in Höhe der Uraltschule gehörte seinerzeit der Kirche. Die Klauskirche ist ebenfalls sehr alt. Hier lebten Prediger, die Gottesdienste in Wanfried abzuhalten hatten, denn Wanfried war erst 1342 als Pfarrkirche benannt. Außerdem gab es eine kleine Kapelle bei der Klauskirche, dem ehemaligen Hospital. Das Patronat über die Kirche hatte die Äbtissin in Eschwege. Sie wird auch für den Einsatz von Predigern, teilweise wandernden Mönchen, zuständig gewesen sein. Nonnen durften keine Gottesdienste abhalten. Die Prediger verrichteten außerdem Dienste für die klosterähnliche Anlage. Die Liegenschaft war bis zur Säkularisierung ein Vorwerk des Cyriakusstifts in Eschwege. Die Marktstraße war sehr früh bis zur Klauskirche hin als Durchgangsstraße nach Treffurt genutzt und besiedelt. Zu dieser Zeit war Wanfried noch thüringisch, 1306 kaufte Landgraf Heinrich I. Wanfried für Hessen an. Wanfried war immer wieder der Streitpunkt zwischen Hessen und Thüringen, bis es 1431 endgültig zu Hessen kam. In dieser Zeit war bereits lebhaftes Handelsleben in der Stadt. Die Mühlhäuser Kaufleute hatte Wanfried als ihre Hafenstadt auserkoren. Außer ihnen handelten von hier aus Kaufleute aus Nürnberg, Augsburg, Leipzig, Erfurt und Bremen. Wanfried hatte als Warenumschlagplatz eine hervorragende Bedeutung, der Flusshandel brachte den Bürgern der Stadt Wohlstand und Reichtum. Der Reichtum drückte sich auch in der Anzahl und Größe der Bürger-, Gast- und Herbergshäusern aus. Die Marktstraße war besiedelt, rund um die Wasserburg gab es Gassen, die Straße Vor dem Gatter war die eigentliche Straße nach Mühlhausen. Es herrschte reges Treiben in der Stadt. Fuhrwerke und Gespanne kamen, die Kaufleute betrieben ihre Geschäfte und reisten wieder ab. Bürgerhäuser entstanden. Es waren zum Teil Häuser des „fränkischen“ bzw. wie man heute sagt „mitteldeutschen Gehöfttyps“ , d. h. Wohnhaus, Stallungen und Scheune sind in getrennten Gebäuden untergebracht, das Wohnhaus seht meist mit dem Giebel zur Straße, der Eingang befindet sich an der Traufseite. Der Hof war nach der Straße hin durch eine hohe Sandsteinmauer ab geschlossen, in der sich ein doppelflügiges Hoftor und etwas versetzt daneben ein Eingangstor befand (s. heutiges Rathaus) Bereits im 16. Jahrhundert baute man in Nordhessen den „fränkischen Bürgerhaustyp mit der Traufenseite zur Straße. Ein großer Vorteil war die Beleuchtung der Wohnräume durch die Fenster. ( z.B. Haus Ecke Marktstraße/V.d.Gatter) Man baute seinerzeit in Wanfried Bürger-, Herbergs- und Gasthäuser. Auch Höfe der Ackerbauern, Schiffer und Handwerker. Dabei unterscheidet man zwischen Hakenhöfen (das Haus steht mit dem Giebel zur Straße, im Hintergrund des Hofes steht die Scheune mit dem Stall – Beispiel Haus v.d.Gatter 15) und der Normalform, dem U-Hof, einer Dreiflügelanlage bei der das Stallgebäude gegenüber dem Wohnhaus steht und die Scheune zwischen Wohnhaus und Stall den Hof nach hinten abschließt. Bei größeren Höfen wird auch die Straßenseite von Gebäuden besetzt. Das sind die geschlossenen Vierseithöfe (Beispiel: Alte Post in der Marktstraße). Die Zufahrt erfolgt hier durch eine Unterfahrt oder Torfahrt. Hinter den Eingängen zu den großen Bürger- und Bauernhäusern befindet sich der große breite Ern, der mit quadratischen Sandsteinen gepflastert ist. Der Treppenaufgang ist breit, die Stufen sind tief und nicht sehr hoch, das Treppengeländer ist kunstvoll geschnitzt oder gedrechselt, Im Mittelalterlichen Straße bau achtete man darauf, dass an den Straßenausgängen eine schöne Häuserfront zu sehen war. Man konnte also nicht einfach über eine Straßenkreuzung hinübergehen, stets hatte man zunächst den Blick auf ein Haus. Um beim Bau eines Fachwerkhauses kein Holz zu verschwenden, durften ab 1532 nur noch so viele Stämme verbaut werden wie unbedingt nötig. Deswegen wurden dicke, krumme Äste in der Mitte durch geteilt und als symmetrisches Muster zugeordnet. Der im hessischen Fachwerk typische „Wilde Mann“ bzw. der „Mann“ im Barock besteht aus solchen gewachsenen Ästen. Ein auffallend schönes Beispiel ist das Ensemble aus gewachsenen Ästen an der Giebelseite der Klauskirche. Die Grundschwellender Häuser wurden zunächst aufgelegt und erst nach dem Richten des Hauses untermauert. Dann wurden die Stockwerke aufgebaut. Die Balken wurden bis zum Ende des 16. Jahrhunderts miteinander verblattet. Holznägel hielten die Konstruktion zusammen. Erst ab dem 17. Jahrhundert verzapfte man die Balken. Die Gefache bekamen 5 cm starke Stäbe aus Eiche oder Buche eingesetzt, diese wurden mit Weidenstäben geflochten und dann mit Lehmmörtel und Strohhecksel ausgefüllt (Fitzgerten). Manche Bauherren ließen gleichmäßig geformte, getrocknete Lehmziegeln einmauern (Beispiel: Hinterhaus des Judenhauses in der Windgasse). Die Hausbesitzer früherer Jahre waren gläubig. Sie ließen ins Rähm, das ist der Abschlussbalken den Untergeschosses parallel zur Erde, von wo wir unser Nahrung herbekommen, nicht nur ihren Namen und das Baujahr, evtl. auch noch den Namen des Zimmermanns, sondern auch noch Segenswünsche schnitzen. Häufig findet man in Häusern die Gefache unterhalb der Brustriegel besonders reich mit Holz verziert – auch diese parallel zur Erde. Wer sehr wohlhabend war, leistete sich, das Haus insgesamt sehr variantenreich zu schmücken (Beispiel: Schwan). Wer sehr gebildet war, ließ lateinische oder ähnliche Inschriften an bringen (Beispiel: Haus Marktstraße 16). Viele Verzierungen hatten eine Bedeutung: Das Andreaskreuz galt als Schutz vor Feuer und Blitz, die durchkreuzte Raute und das Herz bedeuteten Segen für das Haus und seine Bewohner, der „Wilde Mann“ oder „Hessenmann“ ist stark und sollte das Haus tragen, die Eierleiste steht für die Fruchtbarkeit, und Taustäbe und geflochtene Seile stehen dafür, das Haus zu halten und zu tragen. Gleiches gilt für in die Eckpfosten eingeschnitzte Männer. Die Gesichter oder Köpfe, teilweise mit herausgestreckter Zunge, sollen böse Geister vertreiben. Engel sollen das Böse abwenden. Häufig findet man neben christliche auch heidnische Symbole. Ob sie sich in diesen Fällen doppelt absichern wollte? Zur Wasserversorgung wurden Ziehbrunnen gebaut (Beispiele: Klauskirche, Harmes´sches Haus, Schlagdstraße, Schloss). Die Wasserburg (Castzum Wenefrydin) wird 1337 als Talburg zum Schutze der breiten Hauptstraße “Am Markt“ erwähnt. Das zeigt, wie sehr Wanfried bereits als Kaufmannsort genutzt wurde. Erstmals erwähnt wurde 1406 ein Wanfrieder Amtmann. Und als 1526 Landgraf Phillip der Großmütige die Reformation in Hessen beschließen ließ, hatte Wanfried bereits viele städtische Einrichtungen und bemühte sich um die Stadtrechte. Doch erst hundert Jahre später hatten diese Bemühungen Erfolg. Wanfried wurde Stadt und erhielt die Marktgerechtigkeit. Handel und Handwerk erlebten einen besonderen Aufschwung, besonders das Töpferhandwerk machte Wanfried weit über die Grenzen Deutschlands bekannt. Im 16. Jahrhundert veränderte sich sehr viel in Wanfried. Die St. Veitskirche ging in evangelischen Besitz über. Die Schützengilde wurde gegründet, im Auftrag von Landgraf Philipp entstand die Werra-Mühle, 1545 richtete man Wanfried als wichtigen Postgrenzort auf der Strecke Leipzig – Holland ein, 1550 entstand mitten auf dem Markt ein neues Rathaus, die St. Veitskirche erhielt 1569 eine Erweiterung. Landgraf Wilhelm IV. versuchte die Schiffbarmachung der Werra in ihrem Oberlauf. 1573 erhielt Wanfried eine eigene Gerichtsbarkeit, das Peinliche- und das Rüge- Gericht. 1589 hatte Landgraf Wilhelm IV. soviel Interesse an der aufblühenden Ortschaft an der Werra, dass er die Wasserburg zu einem Schloss mit Ökonomiehof und 2. Wassergraben umbauen ließ.

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