Kultur- und Verkehrsverein Wanfried e.V.

Der 9. bis 12. November 1989 – Grenzöffnung bei Wanfried/Katharinenberg

In der DDR kriselte es den ganzen Sommer1989. Wer als DDR-Bürger nach der Tschechoslowakei oder Ungarn reisen konnte, nutzte die Gelegenheit zur Flucht in die Deutsche Botschaft des entsprechenden Gastgeberlandes. Uns sind die Szenen der Fernsehsendungen der damaligen Zeit noch in guter Erinnerung. Nach dem „40, Jahrestag der Republik“ am 7, Oktober gab es immer mehr Montagsdemonstrationen. Immer stärker wurde die Zahl der friedlich gegen das Regime der DDR demonstrierenden Bevölkerung der DDR. Am 9. November kündigte Günter Schabowski während einer Pressekonferenz in Ost-Berlin eine neue Reiseregelung an die es praktisch allen Bürgern zu jedem Zeitpunkte ermöglichte, den Staat mit jedem Ziel zu verlassen. Auf Nachfrage bestätigte er, diese Regelung trete sofort in Kraft.

Die DDR-Bürger konnten diese Entscheidung gar nicht glauben. Viele sind gleich losgefahren. Eschwege und die ganze Region erlebte einen dermaßen Ansturm von Trabifahrern. Überall sah man die blaue Rauchfahnen hinter sich herziehenden Autos, viele fuhren von Westen an die Grenze. So sahen die Menschen zum ersten Mal, wie sie über viele Jahre eingesperrt worden waren. Ab heute war sehr zur Freude der Menschen aus Ost und West das Speergebiet aufgehoben. Teilweise sind die Menschen von Treffurt mit dem Pkw über Herleshausen nach Heldra gefahren, um von Westen Ihren Heimatort anzuschauen. Schnell wurden zusätzlichen Auszahlungsstellen eingerichtet, wo sich die Bürger der DDR das Begrüßungsgeld (100 DM) abholen konnten. Die Geschäfte wurden mehrmals täglich mit Ost und frischem Gemüse beliefert. In den Geschäften bildeten sich lange Schlangen, auch Seife, Zahnpasta, Toilettenpapier waren sehr begehrte Waren. Am 11.11.abends verständigten sich die Grenzbehörden beiderseits der Grenze darauf, am nächsten Tag an weiteren Stellen die Grenze zu öffnen. Noch in der Nacht wurde bei den Grenztruppen in Heiligenstadt und Mühlhausen „Vollalarm“ gegeben und Bagger und Räumfahrzeuge bereitgestellt. Der Hessische Rundfunk verbreitet am frühen Sonntagmorgen dass die Grenze bei Wanfried geöffnet werde. Schnell verbreitete sich große Hektik. Wir eilten zur Grenze, um den Augenblick der Grenzöffnung nicht zu versäumen. Als es dann soweit war, kam schon die nächste Meldung durchs Radio: „15 km Verkehrsstau bei Wanfried“ – das hatte die Stadt in ihrer langen Geschichte noch nicht erlebt. Punkt 12.00 Uhr waren die Räumarbeiten Soweit gediehen, dass ein Major der Volksarmee auf die Grenze Trat und Meldung machte: „ Die Grenze ist geöffnet!“ Angehörige der Nationalen Volksarmee reichten den Angehörigen des Zolls und des Bundesgrenzschutz kameradschaftlich die Hände. Die besondere Bedeutung dieses Handschlags wird deutlich, wenn man bedenkt, welches Feindbild zu Personen aus dem Westen aufgebaut wurde. Die Soldaten der ehemaligen DDR durften keinen Kontakt zu Personen aus dem Westen haben. Das Wort, welches in diesen Tagen am häufigsten gebraucht wurde, war „Wahnsinn“. Feuerwehr und freiwillige Helfer übernahmen die Regelung des Verkehrs. Bürgermeisteramt, Post und Filiale der Sparkassen öffneten Zur Auszahlung des Begrüßungsgeldes . An diesem 12. November wurde allein in Wanfried 1 Million DM aus- gezahlt. Die Geschäfte öffneten, die Regale waren im Nu leer. Die Gastronomie war diesem Ansturm nicht gewachsen. Aber die Bevölkerung reagierte schnell. Haustüren öffneten sich, Kaffee und Tee wurden gereicht. Schmalzbrote oder Kuchen wurde bereitet. Man lernte sich gegenseitig kennen. Sehr viele Wanfrieder sind nach der Grenzöffnung in die benachbarten Ort gegangen, um das Wiedersehen mit Freunden oder Verwanden zu feiern, oder neue Freundschaften zu schließen, oder auch um einfach nur mal hinter den Zaun zu schauen. Die Kirchengemeinden und das „Rote Kreuz“ übernahmen die Bewirtung der vielen Gäste. Fahrdienste wurden eingerichtet oder Übernachtungsmöglichkeiten wurden zur Verfügung gestellt. Auch jenseits der Grenze bot sich das gleiche Bild. Wer diese Tage nicht miterlebte, konnte sich den Glückstaumel überhaupt nicht vorstellen. Plötzlich war es möglich, sich ohne Passierschein über die Grenze zu begeben. Kalter Krieg und Eiserner Vorhang waren Vergangenheit Allerdings wer nicht so dicht an der Grenze lebte und das Geschehen so unmittelbar miterlebte, konnte die Euphorie nicht verstehen.

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