Kultur- und Verkehrsverein Wanfried e.V.

Juden gestalten das Geschäftsleben in Wanfried mit

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wanfried geht bis vor den 30-jährigen Krieg zurück. Nach 1570 sollen die ersten Familien hier im Schutze des Landgrafen angesiedelt worden sein. Die Juden bekamen das Viertel der heutigen Straße „Vor dem Schloss“, „Windgasse“, „Steinweg“, „Borngasse“ und „Kleine Gasse“ zum Siedeln zugewiesen. Der einheimischen Bevölkerung waren Juden nicht genehm. Sie führten ein fremdes Leben, samstags, wenn alle noch arbeiten mussten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, feierten die Juden ihren Sabbat!

Wenn diese von ihren Geschäftsreisen nach Hause kamen, hatten sie Zeit mit ihren Familien zu leben und das Leben zu genießen, während die Wanfrieder Tagelöhner hart arbeiten und vor und nach Tagesarbeit sich noch in ihrem Kleinbetrieb( der Landwirtschaft, am Obstberg, das häusliche Vieh) kümmern. Natürlich diente die Ansiedlung in der Nähe des Landgrafenschlosses auch dem Landgrafen: Er konnte beobachten, wann man von den Geschäftsreisen zurückkam und gegebenenfalls die Steuern eintreiben. 1614 verlangten die Hessischen Städte vom Landgrafen, die Juden als hochschädliches Volk auszuweisen. Landgraf Moritz nahm sie gegen Zahlung von 8 Goldgulden unter seinen Schutz. Einige Juden ließen sich in der Wanfrieder Geschäftsstraße - der Marktstraße – nieder, die anderen siedelten im „Judenviertel“. 1603 beklagte die Gemeinde Wanfried den Wucher über den ausgedehnten Handel der Juden und bat um eine Verminderung derselben: „ Durch ihre Pfandleihe stifteten sie Zwietracht in christlichen Ehen. Sie legten ein aufgeblasenes Wesen an den Tag, jeden Morgen und jedem Abend hielten sie Gottesdienste ab, wozu ausländische und auswärtige Juden kamen.“ Die Eschweger Juden hatten erst an 1692 eine eigene Synagoge, deswegen kamen sie nach Wanfried. Im Lageplan der Stadt von 1739 ist neben dem Gebäude Windgasse 5, reichhaltige jüdische Inschrift, eine Judenschule eingezeichnet. Wahrscheinlich war es das Bet- und Lehrhaus, die spätere Synagoge. Die eigentliche Judenschule war in der Straße „vor dem Schloss“. Die Juden litten sehr unter Erpressungen. Chronist Strauß schreibt dazu in Seiner Chronik: „ Freilich waren sie daran zum Teil selbst schuld, weil sie die ihnen lästigen Einquartierungen schon während des 30-jährigen Krieges durch Geld von sich abzuwälzen wussten.“ Die vom Landgrafen forcierte wirtschaftliche Entwicklung der Stadt als Handelsplatz am Endpunkt der Werraschifffahrt bot für die überwiegend im Handel tätigen Juden günstige Voraussetzungen. Nach der Statistik gab es 1573 zwei Schutzjuden. 1610 lebten bereits 21 Familien mit 102 Personen in Wanfried. Offenbar lebten sie in guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Das ergibt sich aus der Tatsache, dass sie große, reich verzierte Häuser bauten. Beispielsweise Windgasse 5 und Marktstraße 16. Beide Häuser werden beim Stadtrundgang eingehend beschrieben. 1664 sind bei der Landeshuldigung 14 jüdische Familien erwähnt, ferner 4 Familien aus Völkershausen. 1744 wohnten in Völkershausen keine Juden mehr, dafür aber in Wanfried 25 Familien. Ebenso viele in Eschwege. Nur in Abterode lebten damals noch mehr Juden. In der Chronik der Stadt Treffurt ist folgendes über die Marktordnung geschrieben: „Für die Juden gab es seit 1763 besondere Stände. Christliche Händler ab überließen ihnen zuweilen bessere Plätze gegen eine private Taxe. Kamen sie regelmäßig zum Markt, wurden ihnen günstig gelegene Verkaufsplätze zugewiesen. Salomon Katz aus Wanfried stand jahrelang an der Marktmühle.“ Daneben waren noch Juden aus Mühlhausen und Netra erwähnt. Juden nahmen immer eine Sonderstellung ein, die Einheimischen beobachteten diese Händler mit Argwohn. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden in Wanfried 15 jüdische Handwerker genannt: 5 Schuster, 5 Schneider, sowie je eine Bäcker, Böttner, Färber, Horndreher und Baumwollweber. Einer der Schneider, Israel Weinberg, soll der Erfinder des Druckknopfes gewesen sein. Sandel Sommer nahm an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Im 30-jährigen Krieg wurde das Bethaus zerstört. Die Juden bauten das Gebäude nach dem Krieg wieder auf. Nachdem 1825 für den Kreis Eschwege eine neue Synagogenordnung herauskam, planten die Wanfrieder Juden einen Neubau, der 1890 eingeweiht wurde. Das alte Gebäude war baufällig geworden. Die Kinder besuchten die israelitische Elementarschule im Gebäude an der Ecke Kleine Gasse/Vor dem Schloss. 1869 wurde diese von 22 Kindern besucht, unterrichtet wurden sie von Moses Brandes. 1891 unterrichtete der Lehrer Josef Oppenheimer 16 jüdische Kinder. Bis zur Jahrhundertwende ging die Zahl der jüdischen Kinder stark zurück. 1903 besuchten nur noch 4 Kinder die jüdische Schule, alle anderen besuchten die Allgemeine (christliche) Schule. Zum Teil auch wegen der Schwierigkeiten mit Lehrer Oppenheim, der damals bereits in betagtem Alter war. 1904 wurde die öffentliche israelitische Schule geschlossen und die Gründung einer ebensolchen Privatschule genehmigt. Allerdings waren 1907 nur 8 Kinder zu unterrichten, weswegen diese Privatschule 1909 wieder aufgelöst wurde. Der Judenfriedhof oberhalb der Bahnlinie am Roten Berg scheint sehr alt zu sein. Beweis hierfür sind die alten Grabsteine, die sehr tief in der Erde stehen und nicht mehr lesbar sind. Daher kann man nur die Steine selbst zur Altersbestimmung. Da die jüdische Gemeinde bereits Ende des 16. Jahrhunderts bestand, dürfte der Friedhof aus eben dieser Zeit stammen. Die jüngeren Grabsteine sind am oberen Teil des Geländes anzutreffen. (Interessenten können den Judenfriedhof besichtigen. Der Schlüssel kann im Rathaus abgeholt Werden.)

Mit dem durch die Zurückgehende Schifffahrt geringer werdenden Handel in Wanfried ging auch die Zahl der Jüdischen Familien zurück. 1905 wohnten nur noch 80 Juden in Wanfried und 1933 waren es noch 38. Im November 1937 zählte man noch 25 Juden. Die in 1933 in Wanfried lebenden Juden lebten in guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Sie ernährten sich durch Handel und von kleineren Ladengeschäften. Ihre Namen waren unter anderem Ehrlich, Löbenstein und Moses. Seit 1831 konnten Juden auch sogenannte „Ortsbürgerrechte“ erwerben, welche für die Ausübung eines Gewerbes nötig waren. Im Jahre 1917 erzielte die Antisemitische Partei bei den Reichstagwahlen einen beachtlichen Erfolg, als sie einen jüdischen Kandidaten aus Wanfried als Abgeordneten entsenden konnte. 1937 verlangt die Gestapo von den Gemeinden eine genaue Aufstellung zum Judentum. Gefragt war nach den Namen, ob Halbjude oder Jude, Legitimationskarte und Wandergewerbeschein, Angaben über Gemeinschaftseinrichtungen, Neugründungen von Vereinen usw. und dem Beruf, Stand, strafbaren Handlungen. Unter der Rubrik Wanfried, der an die Gestapo nach Kassel weiterzuleitenden Liste war vermerkt: „3 Juden, 2 Halbjuden, der Bürgermeister verweigerte die Ausstellung von Legitimationskarten und Wandergewerbescheinen, weshalb die Juden von Wanfried abwanderten, keine Gemeinschaftseinrichtungen, die Synagoge wird nicht mehr benutzt, soll verkauft werden, Vereine ---“. Der letzte Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Herr Ehrlich ist 1937 in Wanfried gestorben. 25 Personen sind in andere Städte Deutschlands verzogen und später ins Ausland ausgewandert. Vier Personen sind von Wanfried aus direkt nach Südafrika ausgewandert. Die beiden Halbjuden überlebten im Schutze Einheimischer in Wanfried. Eine Privatperson kaufte 1938 die stark baufällige Synagoge und ließ sie abbrechen. Eine Pogromnacht hat es in Wanfried nicht gegeben. Allerdings wurde zu jener Zeit der Judenfriedhof geschändet. Nach dem 2. Weltkrieg beauftragte der Magistrat einige Wanfrieder Frauen mit den Aufräumarbeiten.

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