Kultur- und Verkehrsverein Wanfried e.V.

Wanfrieder Irdenwaren

Ohne Übergang oder Vorgeschichte beginnt an der Schwelle von 16. zum 17. Jahrhundert eine Werkstatt in Wanfried die stolze Reihe bedeutender hessischer Töpferzentren, die besonders während der Zeit zwischen 1750 und 1850 als Exportindustrie ihre Waren bis weit über die Grenzen Deutschlands verbreiteten.

Im Jahre 1896 fand man bei Ausschachtungsarbeiten einen Teil des „Bruches“ einer Töpferwerkstatt aus dem 17. Jahrhundert weit über 1000 Scherben, darunter Reste von über 400 Schüsseln. Die vielfach datierten Stücke tragen Jahreszahlen zwischen 1610 und 1631. Nach dem Forscher Böhlau kommt als Meister der Töpfer Hans König in Frage. Die Schüsseln zeigen einen sehr feinkörnigen tief ziegelroten Scherben, der mit Weiß, Lila, Braun und Rot bemalt und nach dem ersten Brand, dem Schrühbrand, mit Bleiglasur begossen im zweiten, dem Glasurbrand, vollendet wurde. Der Schüsselrand ist mit konzentrischen Kreisen, Pflanzen- und Rankenornament, der Fond mit figürlichen Darstellungen, Menschen im Zeitkostüm, religiösen Bildern, Vögeln usw. Dekoriert. Die Vorzeichnung ist meist in den noch feuchten Ton geritzt. Die besten Arbeiten von Hans König befinden sich heut im Fockemuseum in Bremen. Bodenfunde aus dem Bremer Stadtgebiet beweisen den regen Export durch die um 1600 erfolgte Schiffbarmachung der Werra und Erhebung Wanfrieds zum Warenumschlag- und Stapelplatz. Das älteste datierte Stück von Meister König im Fockemuseum trägt die Jahreszahl 1591. Das herrlichste aber ist ein vierzig Zentimeter hoher, 1601 datierter Krug, auf leuchtend rotem Grund reich ornamental und figürlich bemalt. Er diente als Zunftkanne des bremischen Schmiedeamtes. Der Forscher Grone schreibt dazu: „Im Übrigen ist es fraglich, ob in deutscher, bleiglasierter Irdenware anderswo jemals etwas Ansehnlicheres geschaffen worden ist.“ Kunstgeschichtlich schließen sich die Arbeiten den süddeutschen Fayencen des 16. Jahrhunderts an. Deswegen vermutet Forscher Böhlau, dass Hans König aus Süddeutschland kommend, seine Werkstatt an der Werragegründet habe. In Wanfried ist bekannt, dass es in Treffurt einen Töpfer Hans König gab, der für einige Zeit nicht in dieser Region registriert war und sich dann in Wanfried niederließ. Ferner ist heute bekannt, dass Treffurt ausreichend mit Töpfermeistern ausgestattet war und Hans König nach Beendigung seiner Ausbildung nicht weiter beschäftigt werden durfte. In der Zunftordnung war festgelegt, dass in Treffurt nur 14 Töpfer brennen durften. Nur das für die Versorgung der Bevölkerung notwendige Geschirr und die Ofenkacheln Wurden gebrannt, um „dem Holzruin vorzubeugen“. Es ist darum durchaus möglich, dass Töpfermeister Hans König während seiner Wanderjahre in Süddeutschland tätig war. Über die Gefäßtöpferei in Deutschland zu Beginn des 17. Jahrhunderts wissen wir mangels sicher datierter Funde wenig Bescheid. Da die spätere hessische, auch die niederrheinische Töpferei unverkennbar der Wanfrieder Keramik gleicht, können wir letztere als für unser ganzes Gebiet zu der Zeit typisch ansehen, umso mehr, als diese Art unverändert durch die folgenden zwei Jahrhunderte beibehalten wurde. Es fehlt aber die zurückliegende Verbindung, der Anschluss an die mittelalterliche Gefäßkeramik, denn die Wanfrieder Keramik tritt uns als aus gereifter und fertiger Typ unvermittelt entgegen. Denkbar ist, dass die Töpfergesellen und die Glaser des Thüringer und Kaufunger Waldes, wo die Glasmacherkunst ebenfalls zu Hause war, sich während der Wanderjahre in den Wirtsstuben über die Probleme der Tongefäßherstellung unterhielten und sich aus den ausgetauschten Erfahrungen allmählich die hier erstmals angetroffene Art der Bleiglasur entwickelte. Für den Vertrieb der Wanfrieder Irdenware war der Ausbau des Hafens von außerordentlicher Bedeutung, da der Transport auf den Schiffen für die zerbrechliche Ware sicherer war als der Transport per Pferdewagen. So erfolgte die Ausfuhr der Wanfrieder Töpferware fast ausschließlich als Beiladung per Schiff nach Bremen. Von dort aus nahmen Seeschiffe, die ostdeutsches Getreide nach Holland brachten, die kunstvoll bemalten Teller, Kannen und Schüsseln auf ihrer Fahrt mit in die Zielhäfen. Wanfrieder Irdenwaren fand man Holland, Belgien, Nordfrankreich, England Dänemark und sogar in Nordamerika (und Australien?). Bedingt durch die Ereignisse des 30-jährigen Krieges, die folgende Pest, mehrere schwere Hochwasser und die Kontinentalsperre verloren die hiesigen Töpfer mehr und mehr die Möglichkeit der Ausfuhr ihrer Waren. Darum hatten die Töpfereien bald nur noch regionale Bedeutung. Grundsätzlich mussten die Töpfer wegen der Brandgefahr am Stadtrand siedeln. Der erste in Wanfried urkundlich erwähnte Töpfer war ein Hans Möller. Er erwarb 1586 ein Haus mit Hof „Hinter den Weiden“. Hans König, „döpfer von Drefurdt“, wirkte „ufm Deiche“, also oberhalb des Schlossteiches. 1610 ist im Geschossbuch der Stadt ein Valentin Emmell, Dopfer und Sohn unter gleichem Namen genannt. Ihr Anwesen lag „hinter dem Rohrbronn“. Nebenan siedelte Benedictus Pingner aus Witzenhausen und betrieb eine Töpferwerkstatt .Aus Großburschla kam Georg Dihmar in das neue Zentrum für Irdenware. War er es, der sich in der Wallstraße 1 niederließ? Dort fand man Ende des 19. Jahrhunderts beim Neubau eines Hauses Reste einer Töpferei. Eine weitere Töpferei soll sich an der Straße „Vor dem Gatter“ befunden haben. Auch dort entdeckten Bauarbeiter beim Ausschachten viele Scherben.

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