Kultur- und Verkehrsverein Wanfried e.V.

Die Wannefreder Eule

Vor einigen hundert Jahren, als die Leute noch lange nicht so klug aber schon so verschmitzt waren wie heute die Menschen, hat sich in einer kleinen Stadt eine seltsame Geschichte zugetragen. Da es sich um eine kleine Stadt handelt und der Verfasser dieser Geschichte sieben Jahre seines Lebens in meinem Heimatstädtchen Wanfried verbracht hat, könnte sich diese Geschichte genauso gut auch hier zugetragen haben, oder? Darüber urteilen könnt ihr, wenn ihr die Geschichte von mir gehört habt.

Also:

Die Eule - Bild 1

Vor langer, langer Zeit hatte sich einen große Eule, die man damals noch Schuhu nannte, aus dem nahen Wald in die Scheune eines Bauern verirrt. Es musste dunkle Nacht gewesen sein, als sie dort hinein flog, denn kein Mensch hatte sie dabei beobachtet. Diese arme Eule saß nun in der großen Scheune des Bauern und traute sich nicht heraus. Sie hatte Angst, dass die anderen Vögel ein großes Geschrei anfingen, wenn sie sie sehen würden. Und so blieb die Schuhu in der Scheune sitzen und wartete ab.

Als nun am frühen Morgen der Hausknecht in die Scheune kam, um Stroh zu holen, erschrak er beim Anblick der Eule sehr. Schuhu saß so groß und gewaltig in der Scheunenecke, dass der Hausknecht fortlief und seinem Herrn ankündigte, ein Ungeheuer säße in seiner Scheune. „Glaub mir Herr“, so stammelte er aufgeregt „So ein Ungeheuer habe ich Zeit meines Lebens noch nie gesehen. Es verdreht seine Augen ganz fürchterlich und sein Schnabel ist so groß, dass es keine Mühe hat, einen Menschen zu verschlingen!“ mit beiden Beinen schlotternd, so stand der arme Hausknecht, nennen wir ihm mal Hans, vor seinem Herrn.

„Na mein Lieber, übertreibst du da nicht ein bisschen?“ sagte der Herr, „ich kenne dich. Mut genug, um einer Amsel im Feld nachzujagen, hast Du ja. Aber schon wenn du ein totes Huhn auf dem Hof liegen siehst, holst du dir einen Stock, um ihm ja nicht zu nahe zu kommen. Am besten gehe ich selbst mal in die Scheune um nachzusehen, was für ein Ungeheuer du da gesehen hast!“

Tapfer ging der Bauer, nennen wir ihn mal Konrad, in seine Scheune hinein und blickte umher. Als er aber unseren großen, gewaltigen Schuhu in der Ecke der Scheune sitzen sah, bekam auch er einen gehörigen Schrecken und rannte vor lauter Angst wieder hinaus aus der Scheune.

Konrad wusste sich in seiner Verzweiflung keinen anderen Rat und lief zu seinem Nachbarn, - den wollen wir Heinrich nennen. „Heinrich“, rief im Konrad flehentlich zu „du musst mir helfen. In meiner Scheune sitzt ein unbekanntes, gefährliches Tier. Es hat riesengroße, blitzende Augen und einen Riesenschnabel. Unser ganzes Städtchen könnte in große Gefahr kommen, wenn das Ungeheuer aus der Scheune herausfindet!“

Aufgeschreckt durch die Worte Konrads gab es ein lautes Geschrei durch alle Straßen und Gassen des kleinen Städtchens. Die Bürger, Bauern und Knechte kamen mit Spießen, Heugabeln, Sensen und Äxten bewaffnet herbei, als wollten sie gegen den Feind ins Feld ziehen. Zuletzt erschien auch der Magistrat der Stadt mit dem Bürgermeister an der Spitze. Auf Wanfrieds Marktplatz sammelten sich alle, ordneten sich und zogen gemeinsam zur Scheune des Bauern Konrad. Sie umringten die Scheune, so dass noch nicht einmal mehr die klitzekleinste Maus Reißaus hätte nehmen können.

Mutig trat einer aus der Menge heraus und ging mit seinem gefällten Spieß hinein, um gleich darauf mit einem Schrei und totenbleich wieder heraus zu kommen. Kein Wort sprach der Arme mehr an diesem Tag.

Noch zwei andere wagten sich in die Scheune hinein, aber es erging ihnen nicht besser als dem Ersten. Endlich trat einer hervor, ein großer, stattlicher und starker Mann, der wegen seiner Kriegstaten berühmt war und sprach: „Mit bloßem Ansehen werdet ihr das Ungeheuer nicht vertreiben können. Hier muss man mit Ernst und Durchsetzungskraft seine Pflicht erfüllen. Aber ich sehe, dass ihr alle zu ängstlichen Weibern geworden seid und es keiner mit dem Ungetüm aufnehmen will!“

So rief er seinen Knecht herbei, ließ sich Harnisch, Schwert und Spieß von ihm bringen und rüstete sich, um in der Scheune das Ungeheuer zu besiegen.

Alle Bürger, auch der Magistrat und der Bürgermeister, waren begeistert von dem Mut des tapferen Ritters. Aber sie waren auch besorgt um sein Leben.

Konrad und Heinrich, die beiden Nachbarsbauern, postierten sich an dem Scheunentor und rissen es auf. Schuhu, unsere Eule aus dem nahen Wald, hatte sich inzwischen auf einen großen Querbalken, genau in der Mitte der Scheune, gesetzt und schaute dem Treiben verwundert zu. Der Ritter ließ sich eine Leiter bringen, legte sie an den Balken und schickte sich an hinaufzusteigen.

Die Bürger und auch der Magistrat, ja sogar der Bürgermeister – ich glaube den sollten wir Wilhelm nennen – riefen ihm zu, er solle sich männlich halten und gaben ihm die Segenswünsche in Gedenken an den heiligen Georg, den Drachentöter, mit auf den Weg nach oben.

Mutig kletterte der Ritter zur Eule. Als die aber merkte, dass das ganze Spektakel gegen sie geplant war und sie gleichzeitig von dem Geschrei und den vielen Menschen um die Scheune ganz verwirrt war, und sie nun nicht mehr wusste, wo sie noch hin sollte, verdrehte Schuhu die Augen, sträubte ihre Federn, spannte ihre großen Flügel auf, knappte mit ihrem riesigen Schnabel und schrie ihr lautestes Schuhu dem Ritter und der Menge entgegen.

„Stoß zu, stoß zu!“ riefen aufmunternd die Bauern und Knechte, die Bürger, der Magistrat und auch der Bürgermeister Wilhelm mit seiner über die Grenzen bekannt lauten Stimme dem tap-feren Ritter zu.

„Wer von Euch hier stände, wo ich jetzt stehe, “ so antwortete er mit brüchiger Stimme, „der würde nicht rufen: Stoß zu!“ Er setzte zwar seinen Fuß noch eine Sprosse höher, fing dann aber an zu zittern und machte sich halb ohnmächtig auf den Rückweg.

Nun war keiner mehr übrig, der sich in die Gefahr begeben wollte. „Das Ungeheuer“, so sagten sie, „hat den stärksten Mann, der unter uns zu finden war, allein durch sein Knappen und Anhauchen vergiftet und tödlich verwundet. Sollen wir jetzt etwa unser Leben auch noch aufs Spiel setzen?“

Sie beratschlagten, was jetzt noch zu tun wäre, damit das ganze Städtchen nicht zu Grunde ginge. Lange Zeit schien ihr ganzes Reden und Beratschlagen vergeblich.

Die Eule - Bild 2

Endlich erhob der Bürgermeister seine Stimme und verkündete folgenden Ausweg: „Meine Meinung geht dahin,“ sprach er, „dass wir aus dem Stadtsäckel die Scheune samt allem was darin liegt, also: Getreide, Stroh und Heu dem Eigentümer Konrad bezahlen und ihn damit schadlos halten sollten. Dann aber werden wir das ganze Gebäude und somit auch das fürchterliche Ungeheuer in Schutt und Asche legen. Hierbei haben wir keine Wahl, dürfen nicht an unseren leeren Stadtsäckel denken. Knauserei wäre in diesem Fall nicht angebracht!“

Alle, die Bauern und Knechte, die Bürger und der Magistrat, Konrad und auch sein Nachbar Heinrich, ja sogar der mehr als erleichterte arme Hans, stimmten begeistert dem Vorschlag des Bürgermeisters zu.

Die Eule - Bild 3

Also wurde die Scheune an allen vier Ecken angezündet und mit der Scheune ……….. ?

Ich denke ja, dass die Eule längst wieder zurück in den nahen Wald gefunden hat. Oder was glaubt ihr? Geht doch einmal selbst nach Wanfried und fragt die Bewohner, was sie von der alten Schuhu wissen.

Nach Hans-Wilhelm Kirchhof und den Brüdern Grimm

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